Es ist erschütternd, was eine neue Aufklärungsstudie ans Licht bringt: Sexueller Missbrauch in der evangelischen Kirche. Massiv. Über Jahre hinweg. Und das alles auch tief verankert im Pietismus. Die Ergebnisse der Studie verstören und beschämen. Man mag geneigt sein zu fragen: Kann das sein? Muss es sein, so etwas zu thematisieren und öffentlich breit zu treten? – Ja, es muss, denn es ist da. Die Studie sagt schlicht, was ist. Was geschehen ist. Was Sache ist. Was wir sehen und verstehen müssen. Und was wir zu verantworten haben.

Erschütternd und beschämend
Worum geht es? – Ein zentraler Fall ist der von Alfred Zechnall, der vor allem in den 50er und 60er Jahren für den Hymnus-Knabenchor, im Jungmännerwerk und der Seminarstiftung engagiert und in pietistischen Kreisen verwurzelt war.  21 Personen berichten von sexuellen Übergriffen, bei 18 weiteren seien Übergriffe als recht gesichert anzunehmen. Die Studie nennt konkrete Details, die von Schlägen aufs nackte Gesäß bis zu Hotelübernachtungen im Bett des Beschuldigten reichen. Näheres will ich hier nicht nennen. Wie gesagt: Es ist erschütternd und beschämend.

Wie ist so etwas möglich, noch dazu unter gläubigen Menschen? – Die Studie weist ausdrücklich auf Ursachen hin, die mit manchen Zügen pietistischer Frömmigkeit, der speziellen Struktur mancher Netzwerke und der Kultur in manchen Kreisen zu tun haben. Sexualisierte Gewalt ist gewiss ein Problem der ganzen Kirche mit ihren verschiedenen spirituellen Milieus: Jede Institution, jede Frömmigkeitsbewegung, jedes Milieu hat eine je eigene Gefährdung und Anfälligkeit. Nicht nur der Pietismus, aber eben auch (!) der Pietismus. Zu den Faktoren gehören – zumindest teilweise für manche Milieus und Strömungen:

  • ein ausgeprägt dualistisches Welt-, Gottes- und Menschenbild,
  • eine Bindung an bestimme spirituelle Autoritäten und die Autoritätsanmaßung einzelner,
  • ein moralischer Rigorismus und ein gesetzliches Verständnis von Glaube und Bibel
  • eine Tabuisierung von Sexualität,
  • eine reflexhafte Abwertung oder Verdrängung bestimmter Prägungen, sexueller Orientierungen oder geschlechtlicher Identitäten,
  • teilweise subtile Machtstrukturen, die zumindest gelegentlich stärker mit persönlicher Loyalität und Abhängigkeiten verbunden sind als mit transparenten und klaren Strukturen,

 

Sexueller und geistlicher Missbrauch
Wie gesagt: All das gibt es bei weitem nicht überall und ist für den Pietismus, wie ich ihn heute erlebe, auch nicht bestimmend. Aber all das ist auch da und wird von Menschen benannt. Dies gilt es ernst zu nehmen und zu reflektieren. Volle Transparenz tut not. Klar ist: Sexualisierte Gewalt hat einen Zusammenhang mit spiritueller Gewalt. Es gibt auch eine „toxische Spiritualität“.

All das ist nicht neu und wird auch im Pietismus und darüber hinaus (selbst)kritisch bedacht. Ich verweise etwa auf die Arbeit des Arbeitskreises „Religiöser Machtmissbrauch“ der Evangelischen Allianz in Deutschland, auf den Schutzprozess zu Prävention und Intervention im Gnadauer Verband oder auf die aktuell laufende Sexualitätsstudie des empirica-Instituts der CVJM-Hochschule, beauftragt von der Stiftung Christliche Medien (SCM).

 

Die Perspektive der Betroffenen
Zwei Dinge scheinen mir entscheidend zu sein:

  1. Hüten wir uns davor, sexualisierte Gewalt als ein Problem der jeweils „Anderen“ zu sehen: Wir haben alle in unseren Institutionen und Milieus unsere je eigenen Risiken und Gefährdungen.
  2. Wir reden notwendigerweise, aber eigentlich zu viel von den Tätern und unseren Institutionen – es geht aber zuerst und vor allem um die, die von den Taten betroffen sind. Ihr Leid, ihre Geschichten, die Konsequenzen für ihr Leben sind entscheidend. Ihre Geschichten sind zu hören. Gerade im Blick auf die Wege, die wir weiter gehen: Ihre Perspektiven sind – buchstäblich – „Maß gebend“.

Steffen Kern

 

Link zur Studie: https://www.elk-wue.de/fileadmin/Downloads/Wir/Synode/2023/Herbstsynode/Berichte_und_Reden/TOP_14_-_Bericht_der_Auf_Studie._Aufarbeitung_und_Praevention_sexualisierter_Gewalt_in_Einrichtungen_der_Ev._Landeskirche_in_Wuerttemberg__Bericht_Dr._Haury_-_S._Korger_.pdf