Bis hierher – und viel weiter! Speners „Fromme Wünsche“ und die Zukunft der Kirche

Schon beinahe 400 Jahre setzt sich die evangelische Reformbewegung, die man landläufig Pietismus nennt, innerhalb unserer Evangelischen Landeskirche in Württemberg für eine biblisch standfeste Tradition und zugleich für dynamische Reformen und ständige Innovation ein.

1675 schrieb der Bewegungsgründer Philipp Jakob Spener programmatisch „fromme Wünsche“ nieder. 1743 wurden Menschen, die diese genialen Wünsche aktiv hoffnungsvoll lebten und vorwärtsbrachten, in der Württembergischen Landeskirche besonders gerne gesehen und willkommen geheißen. Man band sie vertraglich ein („Pietistenreskript“). Und auch Jahrhunderte später und in Zukunft atmen diese sechs Wünsche Hoffnung, Innovationskraft und Zukunftsperspektiven. Hier sind sie – und wir stehen weiterhin für sie:

  1. BibelBegegnung

Die Bibel bewegt Menschen, deshalb unterstützt die Lebendige Gemeinde alles, was die Bibel unter die Leute bringt. Vom Bibelabend über das digitale Projekt „Bible Project“ bis zum Bibelmuseum „bibliorama“ – alles genießt bei uns Vorfahrt, was das Buch der Bücher interessant, fesselnd und berührend vermittelt. Die Bibel und ihre unüberbietbaren Trost- und Kraftworte gehören überall hin und immer neu gefördert. Der Bibelpreis und Jahre mit der Bibel, Bibelkurse und Handreichungen fürs tägliche Bibellesen stehen bei uns vorn, wenn es um Prioritäten der kirchlichen Arbeit geht.

  1. BasisBeteiligung

Die Kirche, das sind wir alle. Da gibt es nicht oben und unten, nicht einen besonderen Stand und Normalvolk. Das Zauberwort dafür hieß immer „Priestertum aller Gläubigen“. Revolutionär! Die Basis hat genauso das Sagen. Die sogenannten Laien sind gleichwertig, sie bilden das Rückgrat der Kirche. Und deshalb unterstützen wir als Lebendige Gemeinde ausdrücklich die Synodalwahl als „Urwahl“ aller Mitglieder. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass doppelt so viele Nicht-Theologen-Mitglieder in der Synode sitzen – als echte Leute der ehrenamtlichen Basis. Wo immer Gremienarbeit vor Ort unterstützt werden kann, sind wir da. Mit Geldern und Materialien für die Kirchengemeinderatsarbeit. Mit unterstützenden Schulungen und angestellten Personen, die das Ehrenamt stärken, neue Aufbrüche ermöglichen und die Freiheit und Freiwilligkeit und Selbstbestimmung der Kirchengemeinde vor Ort und ihrer Gremienmitglieder und Gemeindeglieder achten und wertschätzen.

  1. Glaubwürdig im Alltag

Glaube wirkt sich im Alltag aus. Deshalb setzt sich die Lebendige Gemeinde für gemeindenahe Diakonie ein. Die sichtbare Art, meinen Glauben weiterzugeben, braucht Anbindung an die Basis und wahrhaft evangelisches Profil. Deshalb wird es mit der Lebendigen Gemeinde eine spezielle christliche und evangelische Diakonie geben, die sich um andere sorgt, die mehr macht als satt und sauber, die eine wichtige Rolle im Sozialraum spielt und gute Beratung fördert. Die betet und ihren Glauben alltäglich überzeugt lebt. Die für die Seele sorgt, ohne die alles andere erkaltet, was an materiellen Hilfen geboten werden kann und muss.

Wir stehen für eine Kirche, die tut, was sie sagt. Die um Vergebung bittet, wo sie Fehler macht. Und die aus der Güte und Zuversicht Gottes lebt und nicht aus Struktur-Optimierung und reinen Kleinschrumpfungsprozessen.

  1. Weiten statt streiten

Der Pietismus entstand ursprünglich als versöhnende Bewegung – dort, wo Rechthaberei mit harten Bandagen um sich schlug und Menschen auf der Strecke blieben. Menschen, denen der gemeinsame Glaube an den für sie gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus konkurrenzlos wichtig war.

Wir denken nach vorn: Weniger Rechthaberei, mehr Heiliger Geist. Weniger Beschäftigung mit sich selbst, mehr missionarische Aufbrüche und die gemeinsame Suche danach, worauf Menschen heute im Leben und Sterben vertrauen können und wollen. Wer trägt sie? Wie können wir sie mit ihren Fragen und ihrem Suchen erreichen und ihnen die beste Botschaft des Universums verständlich machen: „Jesus liebt mich, ganz gewiss, denn die Bibel sagt mir dies.“ Wir als Lebendige Gemeinde setzen uns ein, damit Fragen der Mitgliederorientierung und echter missionarischer Strahlkraft gegenüber allen anderen Streitthemen wieder neu in den Fokus rücken.

  1. Ausbildungsreform

Die Herausforderungen für die kirchlichen Berufe heute und morgen sind enorm: die Aufsplitterung unserer Gesellschaft in ganz verschiedene Milieus und Singularitäten, der demografische Wandel, der sinkende Grundwasserspiegel im Blick auf christliche Wertvorstellungen und Traditionen, die Digitalisierung und damit das ganz neue Verständnis von Kommunikation und Arbeit. Das muss sich in den Ausbildungsgängen für unsere entscheidenden Berufe deutlich widerspiegeln. Besonders für den Pfarrdienst brauchen wir, ohne den Regelzugang irgendwie gefährden zu wollen, mehr Personen aus alternativen Zugängen. Wir arbeiten gerne mit an einer neuen Verständigung darüber, was wirklich in Zukunft an Pfarrdienstprofilen gebraucht wird. Neu denken, wie gerade der Gemeindepfarrdienst sich schon verändert hat und sich weiter verändert. Dann kommen wir weg von Kürzungsdebatten um die (zweifellos nötigen) PfarrPläne hin zu einem attraktiven und motivierten Pfarrdienst der Zukunft und zu Gemeindeplänen, die tragen. Dabei wollen wir vor allem auf die Jüngeren hören. Ihre Visionen, ihre Anregungen – aber auch Gottes Zuspruch an sie, berufen und gewollt zu sein, leitet uns.

  1. Predigt trifft Herz

Es gibt unendlich viele Wege, die beste Botschaft, die selbst die Herzen öffnet, so zu den Menschen zu bringen, dass Wort auf Herz trifft. An diesen neuen Formen der Verkündigung, der Gottesdienste und der Kirchenräume arbeiten wir gerne mit. Orte, Worte und Predigten, die im besten Sinne zu Kopf steigen und zu Herzen gehen. Gottesdienstzeiten und Modelle können erprobt werden, die neue Heimat bieten, wo alte Gebräuche längst brach liegen. Und anderen kann das, was ihnen über Jahrzehnte das Liebste geworden ist, selbst bis ins höchste Alter eine innere, berührende Heimat bleiben. Der Schlüssel dazu ist ein neuer Aufbruch in unserer Kirche zu erfüllendem geistlichem Leben. Gebet und Meditation der Bibelworte, Stille und Austausch mit anderen in verschiedensten bewegenden Formen, darauf arbeiten wir zu. Das fördern wir. Solche Bewegungen braucht die Kirche, um immer wieder neu zu ihrer Mitte gerufen zu werden: Jesus Christus. Damit diese Verkündigung, die zur Mitte ruft, kraftvoll und geistreich geschieht, sind alle Anstrengungen gerechtfertigt, gerade in der Gemeinde vor Ort.

Der Pietismus hat eine jahrhundertealte Reformgeschichte hinter sich. Kein Grund sich auszuruhen, zu erstarren oder das klare Profil zu verwässern. Ganz im Gegenteil: Diese Kirche, so unsere Hoffnung, hat ihre besten Jahre noch vor sich. Bis hierher hat sie Gott gebracht – und viel weiter!

Unterstützen Sie uns dabei.

Ralf Albrecht ist Dekan in Nagold und Vorsitzender der ChristusBewegung Lebendige Gemeinde.

Dieser Text stammt aus dem Magazin „Kirchenwahl 2019 – Was uns bewegt“. Kostenlose Bestell- und Downloadmöglichkeit finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

#wirliebengemeinde

Bild: skynesher/E+/www.gettyimages.de

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