Die Bibel verstehen – als Jünger Jesu

Biblische Hermeneutik für Laien

Wer die Bibel verstehen will, sollte es als Jünger Jesu tun. Jesus ist Herr und Mitte der Schrift. Deswegen ergeben sich wichtige Hinweise für die Auslegung der Bibel aus seiner Person und unserem Glauben an ihn.

Die Bibel zeugt von Jesus Christus

Christus lehrt, dass die Bibel von ihm zeugt und vom ewigen Leben, das er gibt (Johannes 5,39): „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“

„Sie ist´s, die von mir zeugt.“ Nach Jesu Worten ist die Bibel ein ausgestreckter Zeigefinger, der auf ihn weist. Das ist Ihr wesentlicher Zweck. Luther hat deswegen gefragt: „Nimm Christus aus der Schrift, was wirst Du sonst noch in ihr finden?“ (WA 18, 609, 29)

Die Schrift als Richterin unseres Denkens

Stellen Sie sich einen Bibelabend vor zu Markus 2,1-12. Es handelt sich um die Geschichte, in der vier Männer ihren gelähmten Freund durch das aufgegrabene Dach zu Jesu Füßen herablassen. Es ist ein interessanter Zug dieser Geschichte, dass nirgendwo vom Glauben des Gelähmten berichtet wird, nur von dem seiner Freunde. Der Gelähmte spricht auch während der ganzen Erzählung nicht ein Wort. Nun vergibt Jesus diesem Mann seine Sünden – einfach so, ohne Gespräch, ohne einleitende Worte. Sofort denken viele: Sündenvergebung hat zur Voraussetzung, dass der Sünder bereut und um Vergebung bittet. Also wird es auch hier so gewesen sein.

Nur: In dieser Geschichte steht nichts davon.

Wir wollen die Schrift mit unseren Systemen meistern – und verlieren sie dabei. Aber die Schrift lesen, sitzend zu Jesu Füßen, bedeutet, wirklich ihr Schüler zu bleiben! Es bedeutet, dass ich stets damit rechnen muss, dass vor ihr auch meine scheinbar so guten Denk-Systeme keinen Bestand haben.

Kein Text ohne Kontext

Jesus lebte, handelte und lehrte in Kontexten, nie losgelöst davon. Worte und Taten Jesu werden dann deutlich, wenn wir ihren Kontext mithören. Ein Beispiel: In den Seligpreisungen werden diejenigen seliggepriesen, „die arm sind im Geist“. Machen wir uns klar, dass die Juden für die Endzeit die Ausgießung des Geistes erwartet haben (Joel 3,1-5). Diese Hoffnung gehörte zu ihrem religiösen Kontext. Und weiter, dass Jesus mit Jesaja 61,1-3 beansprucht, der zu sein, der den Geist besitzt und bringt. Diese Stelle war bekannt und sie wurde auf den Messias hin ausgelegt. Er spricht denen die Verheißung des Geistes zu, die am Mangel des Heiligen Geistes leiden.

Sind wir Schüler Jesu, dann müssen wir uns auf das Hören von Kontexten einstellen, auch in unserem Umgang mit der Schrift.

Der Glaube an die Bibel

In Jugendkreisen (und nicht nur dort) kann einem die Frage begegnen, ob man denn alles glauben müsse, was in der Bibel steht. Nun verlangt Jesus von uns, wenn er Glauben verlangt, nichts anderes als bedingungslose Hingabe an ihn. Gilt das dann nicht ebenso von der Heiligen Schrift, gerade dann, wenn wir sie mit Blick auf ihn lesen wollen?

Nun müssen wir genau hinschauen. Meine Vermutung ist, dass viele Menschen nicht genau unterscheiden zwischen Glauben als einem „Für-wahr-Halten“ und Glauben als „Hingabe“. Die Bibel unterscheidet hier sehr wohl (Jakobus 2,19): „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern.“

Die Wahrheit will angeeignet sein, nicht nur für wahr gehalten, sondern verstanden und beherzigt werden.

Glaube ist durchaus ein Für-wahr-Halten, aber eben auch noch sehr viel mehr. Die Wahrheit will angeeignet sein, nicht nur für wahr gehalten, sondern verstanden und beherzigt werden.

Ein Beispiel: Wir alle halten die Rechtfertigung des Gottlosen für „wahr“. Wir glauben, dass Gott den Gottlosen rechtfertigt, so wie es Paulus in Römer 3 beschreibt. Anders sieht die Sache aus, wenn wir ernst machen und Glaube als Aneignung dieser Wahrheit verstehen, als Hingabe an diese Wahrheit. Wollen wir uns von Gott tatsächlich sagen lassen, dass unsere guten Werke letztlich keine Bedeutung haben?

Wenn wir begreifen, dass Glaube immer auch Aneignung und Hingabe bedeutet, dann bekommt die Frage: „Muss ich alles glauben, was in der Bibel steht?“, einen komisch-überheblichen Klang. Sie klingt, als ob wir uns einfach entschließen könnten, das ab jetzt eben alles zu „glauben“. Aber wie jede echte Aneignung muss der Glaube erkämpft, eingeübt und – nicht zuletzt – erlitten werden.

Wir sollten die Frage in ein Gebet ummünzen und Gott bitten, dass wir alles glauben dürfen, was in der Bibel steht, das heißt, dass er es uns in Herz und Sinn schreibt.

Die Inspiration der Schrift

Kann es sein, dass die inspirierte Bibel nur durch Abschriften zu uns kam, die doch nicht völlig fehlerlos sind? Kann es sein, dass wir von der inspirierten Bibel tatsächlich keine „Originale“ mehr haben? Kann es sein, dass zwischen den ersten drei Evangelien so große Übereinstimmungen bestehen, dass viele sie so erklären, dass ein Evangelium die Vorlage für die anderen gewesen sein muss? Widerspricht das nicht ihrer Inspiration? Heiliger Geist und Geschichte – passt das zusammen? Es gibt immer wieder Bestrebungen, diese geschichtliche Seite der Schrift, die „menschlichen Fingerabdrücke“, in den Hintergrund zu schieben, um ihre göttliche Seite zu retten.

Schauen wir auf Christus, den Herrn der Schrift. Von ihm glauben die Christen, dass er ganz Mensch und ganz Gott war. Mit der Schrift ist es ähnlich. Der göttliche Geist und die menschlichen Autoren kommen zusammen. Der Geist hat gerade darin seine Größe, dass er das Menschliche, Geschichtliche der biblischen Autoren eben nicht auslöscht, sondern heiligt und zu seinem Zweck gebraucht. Er wird nicht zum „Zerstörer des Menschlichen“ (Adolf Schlatter), wenn er die biblischen Autoren begabt. Darum sind die geschichtlichen Merkmale der Schrift keine Verlegenheit, sondern Zeichen der Gnade Gottes. Wir sollten die Geschichte der Schrift nicht so lange hinbiegen, bis sie uns göttlich zu sein scheint, sondern nehmen, wie sie sich uns darstellt, und Gott darüber ehren.

Was heißt es, die Bibel wörtlich zu nehmen?

Die Bibel hat eine Fülle an Formen: Lehre, Gesetze, Gleichnisse, Gebete, Prophetien, Lieder, Geschichten etc. Sie ist in verschiedenen Sprachen geschrieben, die wiederum verschiedene Arten zu denken implizieren.

Wir müssen lernen, Wirkliches als wirklich, Poetisches als poetisch, Jüdisches als jüdisch, Griechisches als griechisch zu lesen.

Das bedeutet: Wir werden ihr nicht gerecht, wenn wir sie gleichsam mit einem einzigen Netz unseres Verstehens überwerfen. Wir müssen beobachten. Wir müssen lernen, „Wirkliches als wirklich, Poetisches als poetisch, Jüdisches als jüdisch, Griechisches als griechisch“ (Schlatter, Rückblick 83) zu lesen.

Ich kannte eine Frau, die aufgrund von Psalm 19,5-7 behauptet hat, dass man ein geozentrisches Weltbild vertreten müsse (die Sonne kreist um die Erde): „Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn. Sie geht auf an einem Ende des Himmels und läuft um bis wieder an sein Ende, und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.“

Sie hat damit eine einzige Verstehensmethode an den Text angelegt – eine naturwissenschaftliche, der Bibel damit aber gleichzeitig verboten, sich poetisch ausdrücken zu dürfen. Es entspricht aber nicht der Position des Schülers, sich eine einzige Verstehensmethode zurechtzulegen (z. B. alles „wörtlich“ zu nehmen), die er dann an alle Texte anlegt. Er muss immer wieder neu prüfen, ob sie dem Text gerecht wird. Der Text muss zeigen, wie er verstanden werden will.

Bibellesen ist Arbeit. Da geht es nicht ab ohne Mühe und Schwierigkeiten. Das aber ist üblich. Soll in mir ein gutes biblisches Fundament entstehen, dann bedeutet das, allen Schweiß daran zu setzen, dem Wort nachzugehen. Wir brauchen wieder eine Bibellesergeneration, die sich dieser Mühe unterzieht und nicht vorschnell aufgibt. Liebe ich meinen Lehrer, dann gebe ich alles daran, ihn und seine Worte zu verstehen.

Dr. Clemens Hägele ist Pfarrer der württembergischen Landeskirche, seit September 2016 Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen, ein pietistisch geprägtes Studienhaus für Theologiestudierende. Er wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Mössingen nahe Tübingen.

2019-01-08T16:33:03+00:00